„Unzulässige Maßregelung“ – Kantorin geht gegen Kündigung vor - WELT
Die Berliner Musikerin Avitall Gerstetter. In Deutschland ist sie einige der wenigen Frauen in der von Männern geprägten Welt der jüdischen KantorenQuelle: pa/dpa/Horst GaluschkaKantorin Avitall Gerstetter wurde wegen unliebsamer Meinung aus ihrer Synagoge entlassen: Dieser Verdacht steht im Raum. Das Vergehen: Das Verhältnis von Konvertiten und Juden in Deutschland öffentlich kritisiert zu haben. Pikant: Es liegen Zitate ihrer Rabbinerin vor, die offenbar ähnliche Ansichten hegte.
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Die zunächst via Facebook „freigestellte“ Kantorin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Avitall Gerstetter, wird gegen ihre nun auch offiziell ausgesprochene Kündigung rechtlich vorgehen. In dem Entlassungsschreiben war die Rede von einer „verhaltensbedingten“ Kündigung sowie „gravierendem Vertrauensverlust“. Zwei Wochen vor ihrer Kündigung hatte Gerstetter einen Gastbeitrag in WELT geschrieben, in dem sie Vorgänge um das Verhältnis zwischen Konvertiten und „geborenen Juden“ kritisiert hatte.
Gerstetters Anwalt, Markus Kelber, teilte mit: „Wir wissen derzeit nicht, wie die Kündigung begründet werden soll.“ Sollte die Kündigung aber „mit der Meinungsäußerung in dem Artikel vom 9. August 2022 zusammenhängen, wäre das unter keinen Umständen gerechtfertigt, sondern eine unzulässige Maßregelung“, sagte Kelber. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin teilte auf WELT-Anfrage mit, dass Frau Gerstetter gekündigt wurde, nicht aber, ob oder wie ihr Gastbeitrag damit zusammenhing.
Pioniere unter sich: Deutschlands erste Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Gesa Ederberg (ganz links), erste Rabbinerin Berlins seit der Shoa, und Avitall Gerstetter (vorne rechts), erste jüdische Kantorin Europas, in der Neuen Synagoge BerlinQuelle: pa/dpa/Christoph SoederKonkret hatte Gerstetter in ihrem WELT-Beitrag ein aus ihrer Sicht zunehmendes Missverhältnis zwischen Konvertiten und „geborenen Juden“ in den deutschen Gemeinden und besonders in hohen Gemeindeämtern problematisiert. Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte sei der Anteil sogenannter „Giurim“, also der Menschen, die zum Judentum übergetreten sind, in manchen Betergemeinschaften auf bis zu 80 Prozent angewachsen, schrieb Gerstetter. Somit seien mancherorts nur noch 20 Prozent der Beter in einer Synagoge im Geist der jahrtausendealten jüdischen Traditionen tatsächlich aufgewachsen und nicht nur als Erwachsene darüber unterrichtet worden.
„Jede über viele Generationen gewachsene jüdische Traditionspflege scheint so kaum noch leistbar, zumal inzwischen häufig auch Rabbiner und Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen erst spät übergetreten sind“, schrieb Gerstetter. Die Vermittlung jüdischen Wissens erfolge daher oft eher rational und abstrakt, kritisierte sie deswegen.
Die Rabbinerin von Gerstetters Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße, Gesa Ederberg, ist selbst Konvertitin. Ob Ederberg eine Rolle in der Entlassung Gerstetters spielte, lässt sich anhand öffentlicher verfügbarer Dokumente bislang nicht sagen.
WELT ist in diesem Zusammenhang lediglich eine E-Mail Ederbergs bekannt, die sie am 16. August über einen Verteiler an Gemeindemitglieder verschickt hat. Darin informierte sie über die Freistellung Gerstetters – und teilte einen Link zu einem öffentlichen Ordner, in dem unter anderem Gerstetters WELT-Beitrag als PDF verfügbar war. Andere Inhalte, die in den darauffolgenden Tagen dem Ordner hinzugefügt wurden, sind Briefe von Gemeindemitgliedern, die Gerstetter vorwarfen, ihre Kritik vor einer breiten Öffentlichkeit entfaltet zu haben. Einige gingen so weit, Gerstetter „elitären Separatismus“ und „Bully“-Verhalten vorzuwerfen. Besonders Konvertiten, das geht aus dem Ordner hervor, fühlten sich von Gerstetters Beitrag angegriffen.
Eine Konvertitin aus Frankfurt am Main, die nach eigenen Aussagen 1965 in eine protestantische Familie geboren wurde und seit 1996 „offiziell Jüdin“ sei, stellte ihren Beitrag in dem Ordner unter die Überschrift „Juden mit Migrationshintergrund raus?“. Darunter unterstellte sie Gerstetters Kritik an dem Drängen von christlich-deutschen Konvertiten in Rabbiner-Positionen eine Ähnlichkeit zum „bildungsbürgerlichen Salonantisemitismus“ des 19. Jahrhunderts. Über sich selbst schrieb die Autorin, trotz ihrer Konversion 1996 sei sie „in Wirklichkeit immer schon“ Jüdin gewesen: „Ich bin Transjüdin. Ich bin nicht ‚konvertiert‘, sondern ich habe lediglich meine wahre Identität öffentlich bezeugt.“ Die Autorin selbst bemühte in der nächsten Zeile den Vergleich mit Menschen, die sich aus dem „falschen biologischen Geschlecht“ „befreien“.
Die Autorin schrieb weiter: „Dass ich und die anderen, denen es ebenso geht, einen SS-Großvater ‚kompensieren‘ wollen (...), ist eine Aussage (...) wie ‚Die Ausländer kommen nur nach Deutschland, um Sozialleistungen zu schmarotzen‘“ – mehr sei dazu nicht zu sagen. Avitall Gerstetter hatte in ihrem WELT-Beitrag auch verschiedene Gründe diskutiert, die Menschen zu einer Konversion bewegen könnten. Einer davon, der hinterher besonders kontrovers besprochen wurde, war der Wunsch, nach dem deutschen Menschheitsverbrechen auf der „richtigen Seite“ der Geschichte anzukommen und von der Gruppe der Täter in die Gruppe der Opfer zu wechseln. Gerstetter nannte das „Ablasskonversion“.
Avitall GerstetterQuelle: pa/dpa/epd-Pool/Christian DitschAuch einer Teilöffentlichkeit bekannte Personen sind mit Beiträgen in dem von Ederberg geteilten Ordner vertreten. So enthält der Ordner auch einen Beitrag der Autorin Esther Scheiner, in dem sie Projekte Gerstetters zur interreligiösen Verständigung wie ein religionsübergreifendes Fußballturnier als „nette Versuche“ abtut und deren Kritik als frech und arrogant beschreibt. Scheiner schrieb in der Vergangenheit auch für das Online-Medium „Die freie Welt“, das von dem Ehemann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch betrieben wird.
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, äußerte sich auf WELT-Anfrage zurückhaltend zu der von Gerstetter eröffneten Kontroverse. „Konversionen zum Judentum hat es schon immer gegeben“, sagte Schuster; im liberalen seien sie zwar verbreiteter als im traditionellen Judentum. Von einem Missverhältnis würde er aber nicht sprechen. Allerdings ließ auch Schuster Skepsis bei der Frage nach der Bekleidung von geistlichen Ämtern durch Konvertiten erkennen: Da sei er „eher zurückhaltend. Es kann durchaus zu Problemen führen“, sagte Schuster.
„Jüdisch sein ist ja nicht nur eine Frage des Status, sondern auch eine Frage der jugendlichen Sozialisierung, die sich nicht einfach so erlernen lässt“, erklärte Schuster. Dennoch sei bei „Generalisierungen“ Vorsicht geboten. „Dass ein Judentum christlicher Prägung als solches entstünde, ist zu weitgehend“, sagte der Zentralratsvorsitzende.
Öffentliche Unterstützung erhielt Gerstetter – wiederum in einem WELT-Beitrag – bislang von Rabbi Walter Rothschild. Dort schrieb er, dass es in den liberalen jüdischen Gemeinden einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Konvertiten gebe, „die Führungsaufgaben übernehmen, obwohl sie wenig persönliche Erfahrung haben“.
Gerade die Causa Homolka, so Rothschild, habe „offengelegt, was viele bereits wussten: dass dieser Prozess ein Stadium erreicht hat, in dem Konvertiten andere Konvertiten konvertieren.“ Diese Spirale sei außer Kontrolle geraten, diejenigen Rabbiner, die über „echte jüdische Erfahrung“ verfügten, seien aktiv ausgeschlossen worden. Walter Homolka, langjähriger Leiter der Rabbiner-Ausbildung in Potsdam und selbst Konvertit, war jüngst wegen Machtmissbrauchs und der Verschleierung sexueller Übergriffe in die Kritik geraten.
Rothschilds abschließendes Urteil fiel drastisch aus: „Die Konvertiten sagten den Juden, was sie zu denken, wie sie zu beten, zu praktizieren und was sie zu tun hatten.“
Gesa EderbergQuelle: pa/dpa/Christophe GateauMöglicherweise führt dies ins Zentrum der Auseinandersetzung um Avitall Gerstetter, die als geborene Jüdin aus einer Synagoge entlassen wurde, in der in Gestalt Gesa Ederbergs eine konvertierte Rabbinerin aus einem nicht-jüdischen Haushalt amtiert. Mutmaßlich erfolgte Gerstetters Entlassung, weil sie die Verschiebung der Gemeindezusammensetzungen und der Machtverhältnisse zugunsten konvertierter Juden öffentlich kritisiert hatte.
Pikant: WELT liegen Aussagen Ederbergs aus dem Jahr 2013 vor, in denen sie exakt die gleichen Bedenken vorträgt, die auch Gerstetter in ihrem mutmaßlich kündigungsrelevanten WELT-Artikel formulierte. In einem Mail-Austausch, in dem Ederberg zu den Motiven ihrer Konversion befragt wurde, erklärte sie ihren Standpunkt. Demnach hält auch sie Konversionen in Deutschland für problematisch, begegneten ihr oft Personen, die aus den falschen Motiven heraus konvertieren wollten, und das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Konvertiten und Nicht-Konvertiten in der Synagoge Oranienburger Straße sowie den meisten anderen Berliner Synagogen sei unausgewogen. Der Unterschied zu Gerstetter: Ederberg machte diese Bedenken nie öffentlich.
Wie die Jüdische Gemeinde zu Berlin diese Aussagen Ederbergs bewertet, die ihr in Zitatform, nicht aber als vollständige Mail-Korrespondenz vorgelegt wurden, ließ sich von deren Pressesprecher nicht erfahren. „Um die angeblichen Zitate von Rabbinerin Ederberg bewerten zu können“, benötige man die vollständige Korrespondenz, nicht nur die zitierten Auszüge, teilte dieser mit.
